Cornelia Dyhr
Cornelia Dyhr

Meine Geschichte

Eigentlich wollte ich immer reiten…

Schuld daran waren wohl die Karussellponys auf der Leipziger Kleinmesse, die immer im Frühjahr und im Herbst auf dem kleinen Platz ganz in der Nähe zu dem schönen alten Jugendstilhaus aufgebaut wurde, wo ich mit meinen Großeltern und Mama und Papa wohnte.

Dass ein Pony nicht auf dem Balkon wohnen kann, war das schmerzliche Ergebnis nach all den Bemühungen meines Großvaters, der sogar einen Statiker beauftragte. Ganz davon abgesehen, dass ein Pony eigentlich unmöglich durch die Küche in seine Box laufen kann, ist unser Unternehmen „Balkonpony“ letztlich daran gescheitert, dass eben ein Pony keine Treppen steigen kann.

Zum Glück gab es die Rodelbahn, Pappeln, die man erklettern konnte und ja schließlich Gojko Mitic und Winnetou mit ihren tollen Pferden, verbunden mit kindlicher Phantasie schon fast ein Stück Realität.

Doch erst einmal sollte alles ganz anders kommen…

Zu meinem sechsten Geburtstag bekam ich ein paar Schlittschuhe (und eben kein Pony!!) geschenkt und fand irgendwie auch Spaß am Eislaufen. Das Bezirkstrainingszentrum Aufbau Halle bildete mit 5-mal wöchentlichem Training Eisschnellläufer aus, von denen die besten später zum „Club“, der Kinder-und Jugendsportschule nach Berlin gehen sollten.

Das wichtigste, wenn man dorthin wollte, war, neben der guten sportlichen Leistung und fleißigem Training, vor allem würdevoll mit Kritik umzugehen, mit der wenigen Zeit die neben dem Training und der Schule verblieb auszukommen und bei all dem noch Spaß zu haben. Mit dreizehn kam ich zum „Club“ – aber damit hatte ich es nicht wie ursprünglich gedacht „geschafft“, jetzt ging es eigentlich erst los!

 

Wir waren plötzlich nur noch die „Neuen“…

Also zählte wieder nur noch die Leistung, ausgedrückt in Schulnoten und Sekunden auf dem Eis. Jedes Jahr wurden wir „Sportler“ neben unserer Leistungsbeurteilung in der vergangenen Saison einer großen Sportmedizinischen Untersuchung unterzogen, hatten harte Leistungstests in allen möglichen Bereichen zu absolvieren und wurden auf unsere seelische und körperliche Belastbarkeit getestet. Schließlich waren wir „Diplomaten im Trainingsanzug“, die den Staat, die DDR; jedes Jahr viel Geld kosteten.

Unsere „Haltebedingen“ waren hervorragend, mit feinster kulinarischer Versorgung, hervorragenden Trainingsmöglichkeiten, Klamotten aus dem Westen, bester medizinischer Versorgung. Mit sechszehn wurde nochmal gesiebt, wer nicht gut genug war musste nach der zehnten Klasse den Club verlassen, für alle anderen, auch für mich, ging es als Nationalkader weiter. Trainingslager im Ausland, Nationaltrikots und das Muss, gesund zu bleiben.

Ohne es zu ahnen, hatte ich mit all dem eine herrliche Grundlage, um irgendwann später in meinem Leben fühlen zu können, wie ein Pferd als Sportler „fühlt“, auf das Pferd eingehen zu können und viele Trainingspläne und Methoden unter anderen Bedingungen noch einmal anzuwenden. Wie wichtig Ausgleich und Entspannung dabei ist, habe ich am eigenen Leib erfahren!

Reiten im Urlaub

Aber der Reihe nach….

Mit 19 Jahren stand ich vor der Alternative: schwere Knie-OP oder Ende mit Eisschnelllauf! Ganz Klar: Ende mit Eisschnelllauf, Studium zu Hause bei meinen Eltern in Halle und endlich reiten!

Über die UNI lernte ich einen kleinen ziemlich, aus heutiger Sicht, einfachen Stall kennen, 20 km weit weg. Das bedeutete: ca. 1Stunde mit dem Bus über Land und zweimal umsteigen. Dort gab es aber Pferde. Meine Erinnerung verklärt sicher die Schönheit der dortigen Schulpferde, aber ich konnte aufsitzen und es ging im Kreis ein paarmal um die Bahn, bis eben dann der nächste aufsitzen durfte. Mein erklärtes großartiges Ziel damals war: selbständig, natürlich in Begleitung und mit Kappe, ausreiten.

Dazu kam es allerdings nie. Erstens war gerade Winter, meine reiterlichen Fortschritte waren wirklich nicht gerade gravierend und das Studium forderte doch mehr Zeit als anfänglich erwartet. Außerdem spielte mein damaliger Freund Tennis, dorthin konnte man mit dem Fahrrad fahren…naja und der Rest liegt eben auf der Hand. Also kaufte ich mir einen Tennisschläger (Dunlop Modell Steffi Graf, habe ich heute noch im Keller!!!!) und gewann recht kurzfristig ein paar Punktspiele.

Als der „Westen“ kam und die DDR zum Größten Bundesland der BRD wurde, änderte sich alles. Ich machte eine Lehre in der Versicherungswirtschaft fing an zu arbeiten, hörte auf Tennis zu spielen, weil mein Freund auch aufhörte Tennis zu spielen und nur noch gebrauchte Autos von Luxemburg nach Deutschland überführte.

Mein Job führte mich nach Köln, später nach Düsseldorf. Das war genau1995, auch das Jahr, in dem ich meine damals beste Freundin Beate Kalisch kennen lernte. Wir besuchten Antikmessen, hatten denselben Geschmack und natürlich dieselben Männerprobleme.aber wir hatten noch eine Gemeinsamkeit herausgefunden: wir wollten beide reiten! Der Unterschied: Sie hatten einen Freund, Peter Klönne, Vielseitigkeitsreiter, der zwei Pferde hatte!

Der erste Ausritt

Im August 1998 folgte ich ihrer Einladung zu einem Turnier am Neudellerhof und erinnere mich noch genau an eine Kinderquadrille mit Biene Maja und so. Kannst du reiten? Naiv und völlig doof wie ich war hab ich gesagt: klar! denn immerhin hatte ich mich an die bestimmt 15 Runden im Kreis im Schulstall in der Nähe von Halle erinnert.

„Dann lass uns mal ne Runde in den Grafenberger Wald reiten, du nimmst Adin ( Schimmel von Peter Klönne und Vielseitigkeitspferd ) der ist brav“. Ich wusste weder wie man eine Trense verschnallte noch wie man sattelt, Hufkratzer, was ist das? Ich versuchte mir das nicht anmerken zu lassen, denn: eigentlich wollte ich ja immer  nur reiten! Aufsitzen, das erste Mal unter freiem Himmel ! endete damit: zu viel Schwung geholt auf der anderen Seite wieder runter gefallen, wie im Comic!! Zum Glück war Adin wirklich brav, bis jetzt!

Unseren Ausritt habe ich überlebt! Adin kannte die Strecke und wusste auch, in welcher Gangart man welchen Teil des Weges nehmen konnte, jahrelange Erfahrung zahlt sich eben aus! Zum Glück wusste er auch, wann man Schritt gehen sollte und wo eine Straße kam. Ich störte ihn bei seiner Routinerunde nicht wirklich, allerdings passte er auch nicht wirklich auf mich auf. Eins war nach diesem Abenteuer auf jeden Fall klar: Nur reiten wollen reicht nicht! entweder war dieser Ausflug ein einmaliges Erlebnis oder ich musste versuchen, reiten zu lernen. Wie schwer das sein würde hatte ich eine ungefähre Ahnung aber bei weitem keine Vorstellung davon, dass sich mein Leben mit dieser Entscheidung radikal verändern sollte.



Einkehren beim Ausritt

Denn: eigentlich wollte ich ja nur reiten!

Februar 1999: Adin hat Schimmelkrebs! mit 17 Jahren nichts Ungewöhnliches aber für mich wieder das Aus meiner reiterlichen Ambitionen, denn immerhin hatte ich auf Adin einige richtige Reitstunden gehabt und bin auch ab und zu schon mal über ein Cavaletti gehoppelt. Das Beste, ich war inzwischen echt geländetauglich! Die „Alten“ Herren, das waren Jagdreiter, echte Gentlemen und den Umgang des Pferdes besonders im Gelände beherrschend, hatten mich Küken oft mit in den Wald genommen und mir das Einmaleins des Reitens und des „Einkehrens“  gezeigt.

Ich konnte bereits angaloppieren, auch wenn das nicht immer schön aussah und wenn Adin zu schnell wurde: Volte ins Gebüsch! Ich hatte mich sogar für das kleine Bronzene Reitabzeichen angemeldet, die Prüfung sollte im Frühjahr 1999 sein. Aus der Traum, nix, Adin wurde eingeschläfert, geheult, aber einen Plan gehabt!!



Wie kauft man ohne Geld ein Pferd? Wenn man nicht reiten kann?

Indem man seinen Dickschädel einsetzt, seinen Reitlehrer unglaublich nervt und sich von einem guten Freund 7000 DM borgt. Das Ergebnis: Elvis, nein nicht DER Elvis, aber er hieß eben auch so, obwohl sein lettisches Papier bis auf die Fuchsfarbe wahrscheinlich keinerlei Übereinstimmung mit dem Pferd hatte. Aber es war bunt und ein Pferd war auch drauf! Also: gekauft!

Mein erstes eigenes Pferd: Sir Elvis

Gemeinsam mit Michael Dyhr holten wir Elvis ab. Michael deckte ihn ein und wickelte komische weiße Binden um die Beine von Elvis. Heute weiß ich natürlich, dass Elvis keine Verletzung hatte, sondern dass der magere Fuchs zumindest Ähnlichkeit mit einem Sportpferd haben sollte, wenn wir auf den Neudellerhof fahren! Angekommen, ausgeladen, Spott kassiert, in die Box gebracht, am nächsten Morgen hingegangen, Elvis hat mich in den Finger gebissen, nix gesagt…..das erste Mal ausgeritten! Elvis war wahrscheinlich so schwach, dass er im Gelände totenbrav war, was mir seitens Michael den Spruch einbrachte:“naja das bisschen Muskulatur was er hatte, hat er jetzt atrophiert!“ Hmmm das war doof! Also Unterricht bei Michael und kleines Bronzenes Reitabzeichen.

Springen auf Kashmir, einem herrlichen aber frechen Springpferd von Michael, Dressur auf dem Traktor( 1,88m Stock) Longfellow. Ergebnis: Prüfung bestanden! Zum Glück waren Ausbinder erlaubt, denn am Zügel konnte ich Longfellow Jahre später noch nicht reiten. Jetzt war ich also berechtigt, Turniere zu reiten in der Klasse A!! LK 6, herrlich ! Ich machte Pläne und ritt meine erste Dressurprüfung der Klasse E ( denn wir wollten ja erst einmal klein anfangen ) in Ratingen Lintorf irgendwann im Mai 2000. Ich weiß nur noch, dass es Michael furchtbar peinlich war, denn ich brachte die ganze Abteilung durcheinander, weil ich wie ein herrenloses Ufo über den Platz crosste, immer auf die Kommandos vom Nachbarplatz hörend, die gar nicht für mich bestimmt waren ! Immerhin war ich zu diesem Zeitpunkt bereits 32 Jahre alt und der Spott meiner Reiterkameraden durchaus berechtigt!

Also wieder in den Wald und fleißig die Regeln gelernt und bei den anderen zugeschaut. Auf mein Betreiben hin, fuhren wir nach Norderney und ich ritt meine erste richtige A-Dressur (LK 5+6) und ich erhielt meine erste Schleife ( rote ) am 16.09.2000.

Im nächsten Jahr am gleichen Ort konnte das Wunder noch einmal vollbracht werden. Was dazwischen auf den deutschen Turnierplätzen mit der Conny und dem Elvis geschah: naja, zumindest gab es keine Schleifen. Ich blamierte mich so gut ich konnte, wurde richtig sattelfest, denn Elvis konnte bocken wie ein großer und bekam endlich Kraft, außerdem mauserte er sich zu einem richtig hübschen Kerl!

Abteilung ist doof, ich will „L“ reiten

Mit meiner dritten A-Platzierungen auf einem richtig „großen“ Turnier in Rheinberg im Sommer 2002 stand mein Entschluss fest: Abteilung ist doof, ich will „L“ reiten. Allein diese Aussage brachte mir Hohn und Gelächter, wenngleich sich manche Leute einfach nur Sorgen um mich machten.

Aber ich hatte bereits einen heimlichen Traum, den ich wirklich für mich behielt : ich war bewundernd dabei, als Johann Zagers im Sommer 2001 auf dem damals noch großen Turnier im Neudellerhof sein Goldenes Reitabzeichen verliehen bekam. Es war so feierlich, dass ich mir einfach nur wünschte, an seiner Stelle zu sein. Die  Nationalhymnenzeremonien aus früheren Zeiten wurden wieder wach und damit auch der Wunsch, ganz oben auf dem Treppchen zu stehen. Immer noch bekomme ich eine Gänsehaut, wenn dieses Lied gespielt wird, auch wenn es heute ein wenig anders ist als früher. Doch die Situationen gleichen sich und - aber das habe ich niemandem erzählt.

Das „Große Reitabzeichen“ war für mich eine echte Herausforderung, Kashmir war verletzt und ohne Ausbinder konnte ich Longfellow nicht reiten. Also habe ich kurzer Hand die L-Dressur auf Trense für das Disziplinspezifische mit Sir Elvis gemacht. Entsprechend seiner Pingelichkeit wenn es um Pfützen ging hatte er sich diesen Adelstitel mehr als verdient und trug ihn mit Stolz - und mich  mit einer 5,5 durchs Bronzeabzeichen! im Herbst 2001 hatte ich LK 5: L-Dressur, wir kommen!

Dass das gar nicht so einfach war, zeigte die Saison 2002, außer der erwähnten dritten Platzierung in der Klasse A spielten sich unsere Leistungen eher im nicht platzierungswürdigen Bereich ab. Ich freute mich über wahrlich jede Leistung die mit einer Wertnote besser 6,0 gesegnet war, was zugegebener Maßen eher selten war. In dieser Zeit prägten meine bis heute beste (und einzige) Freundin Danni und ich den Spruch: Hauptsache was mit sechs! die Zweideutigkeit dieser Aussage gefiel uns so gut, dass wir auch bei einer 4,9 zumindest schmunzeln mussten, auch wenn das immer sehr traurige Ereignisse waren. Getröstet habe mich über all das, indem ich im Sommer 2002 mein Silbernes Reitabzeichen gemacht habe, als Zeichen, wie mutig ich bin, denn bei Herrn Gehrmann war ein Parcours noch ein Parcours und der war dann auch wirklich in L-Höhe und mein „Springpferd“ Longfellow war zwar groß aber konnte sich nicht entscheiden, ob er lieber stehen blieb oder sich in vorbildlicher Badewannenmanier  übersprang !

Am Ende hatte ich ein Silbernes Reitabzeichen mit einer schwächeren Dressur auf Sir Elvis als das Springergebnis, was die bisherigen Ergebnisse dieser Saison eindrucksvoll wiederspiegelte, einen fetten Herpes im Gesicht  und vor allen Dingen: LK 4!!! Im Herbst 2002 kaufte ich von einem guten Freund ein Fohlen, Hannoveraner alte Abstammung mit dem Gedanken: vielleicht habe ich mit ihm die Chance mit all dem vermeintlich vielem Wissen, was ich damals glaubte zu haben, ein für mich tolles Pferd zu formen. Er war bildschön, zutraulich und bewegte sich nach Auffassung der mich umgebenden Menschen sehr gut. Gotenprinz, meine Hoffnung!

2003 war mein erstes richtiges tolles Turnierjahr.

Bei damals einer Durchschnittstemperatur von 40 Grad und Nächten im Swimmingpool und der Hilfe von Dirk Bolten war ich mit Meinem! Sir Elvis am 17.5.2003 einmal 4. und 5. In der L-Dressur in Kalkar ! Nach drei Jahren endlich mitten drin und voll dabei! Ich kaufte eigentlich aus einer Laune heraus, aber auch weil ich gehört hatte, dass ein solides Lehrpferd Wunder bewirken kann, die damals neunjährige Stute Derby Lady. Bisschen stur, aber mit netten Bewegungen war sie bereits unter ihrer Vorbesitzerin mehrfach L platziert, lernte ums  verrecken keinen fliegenden Wechsel, aber: wer will schon „M“ reiten? 13-mal waren wir in 2003 L-platziert, wobei Lady immer die meisten Eisen aus dem Feuer geholt hatte, aber auch mein Sir machte sich gut und plötzlich wurden wir auf dem Turnier gegrüßt.

Reinhard Meyer unterstützte damals Dirk Bolten bei der Ausbildung der Dressurtalente auf dem Gut Hülchrath, so gelangten wir auch in seine fördernden Hände und machten echte Fortschritte!! Als wir dann Menschen, die besonders laut gespottet hatten, hinter uns ließen, waren wir stolz und hatten ein paar Freunde weniger! Dieser herrliche Sommer mit den tropischen Temperaturen war einer der lustigsten überhaupt! 2004 war ein Abbild des Jahres 2003, nur nicht so heiß; eine Reihe L-Platzierungen und die Gewissheit, dass wir uns in das Heer derer einreihen, die nach 10 Jahren die Kunst der L-Dressur perfektioniert haben und nie mehr etwas anderes reiten werden.

Eigentlich wollte ich nicht mehr einfach nur reiten….

Und dann war sie immer wieder da: die Sehnsucht nach diesem Gefühl, damals als der Johann…und da ich Dank Michael immer mal wieder zusammen mit Jean Bemelmanns  und Dieter Laugks trainieren durfte oder zumindest zusehen durfte, wann immer ich wollte und erlebt habe, wie Fie Skarskoe ihr „Goldenes“ bekam und die Reiter im Frack viel besser aussahen….

Ich trainierte mit meinen Füchsen bei Herrn Kleymeier Ende des Jahres 2004, hatte mich von meinem Mann getrennt und war froh über die Einladung von Dieter und Dodo, am 2.Januar 2005 gemeinsam essen zu gehen und ein bisschen das neue Jahr zu feiern. Wie so oft hatte Dieter noch zu reiten, als ich im Römerhof ankam und schlug einfach?? vor, das ich ihm helfen sollte und schon mal den großen Braunen Schritt reiten könnte ( Stockmaß 1,85 ) Erinnerungen wurden wach! Longfellow ! Elefanten ! „Ich reite keine Elefanten mehr“ ...“komm stell dich nicht so an, der ist brav“.

Widerwillig setzte ich mich auf das große braune Tier um dann später beim Schritt reiten zu erfahren, dass ich auf einem sehr erfolgreichen Grand Prix Pferd saß. Plötzlich fühlte er sich gar nicht mehr so schrecklich an, trotzdem war ich froh, als Dieter ihn mir abnahm und anfing Traumtänzer zu arbeiten. Von unten sieht der gar nicht so groß aus und elegant ist er eigentlich auch ziemlich und er stand zum Verkauf. Ob ich ihn noch mal bisschen reiten will…Ich? den? Mach ich doch kaputt! aber Dieter bestand darauf, irgendwann sollte ich auch wissen, warum. Ich erklomm also wieder den Mount Everest und trabte, ging Pirouetten, Wechsel und sogar fünf einer! Konnte ich eigentlich gar nicht, aber Traumtänzer hatte offenbar beschlossen, mich zu beeindrucken.

Dieter stand am Rand mit offenem Mund und sagte nur noch etwas von „kaufen“. Ist doch viel zu teuer, nein geht 50.000 €! 50.000 €, nicht teuer ??? Ich hatte  noch nie so viel Geld in einer Summe auf dem Konto, aber naja, das Angebot von Dieter, ihn noch ein paarmal zu reiten, kostete nichts und man wird davon nicht dümmer! Und da stand er mit seinem viel zu dünnen Hals, und großen traurigen, braunen Augen, wirkte so ein bisschen heimatlos.

Wie kauft man ein teures Grand Prix Pferd …

… wenn man nur 20 % des Kaufpreise auf dem Konto hat? Indem man seine wirklich wertvolle und hochkarätige Schmucksammlung verkauft, seine Pferde verkauft und mit etwas Glück eine nette Abfindung seines früheren Arbeitgebers kassiert! Ich ging also ins Pfandhaus, trennte mich schweren Herzens von Lady und Sir, verkaufte was wertvoll war und hatte vier Wochen später Glück und war um 70.000 € reicher. Das reichte dann auch noch für den Sattel und die AKU!! Und für sechs Monate am Römerhof, denn ohne Dieters Betreuung traute ich mir so ein Pferd einfach nicht zu!!!

Erst später habe ich erfahren, dass bereits viele Berufsreiter und gute Jockeys den großen Braunen kannten und ihn schlichtweg nicht haben wollten, weil er ihnen zu schwierig zu reiten und zu eigensinnig war!!! Na prima ! und ich sollte das dann hinbekommen. Traumtänzer war ein echter Schlauberger, dass er mich ausgesucht hatte, ich hatte schließlich keine Ahnung!

Aber es sollte noch viel schlimmer kommen!

Nachdem ich also die neue Besitzerin von Traumtänzer war, lernte ich all die unschönen Seiten an ihm kennen. Blutige Hände, weil er mir die Zügel durch die Hand zog, keine Parade annahm und mich wirklich so richtig alt aussehen ließ ! Dieter gab sein bestes aber ich war dem Großen Braunen reiterlich einfach nicht gewachsen, abgesehen von der offenkundigen Häme meiner Reiterkollegen, welche in ihrer Auffassung dass ich total bescheuert bin vom Feinsten bestätigt wurden. Nach 4 Monaten ritt ich mein erstes Turnier, in Sonsbeck, M* mit irgendwie 60%, ohne Platzierung aber nicht grenzenlos entmutigend.

In diesem Jahr ritt ich ungefähr40 M*, ohne eine Platzierung! Dabei wollte ich doch eigentlich auf so einem Pferd „S“ reiten, aber mit LK 4? Ich wechselte Mitte des Sommers wieder in den Reitstall Bolten, zum einen weil mir der Römerhof und der teure Beritt zu sehr auf den Geldbeutel schlugen und zum anderen, weil ich irgendwie „Ruhe“ in die ganze Sache bringen wollte. Ich wollte „back tot he roots“, Traumtänzer so reiten lernen, wie ihn seine Erfolgsreiterin Heike Ingebrand ausgebildet hatte. Ich hatte die Idee, wenn er glücklich ist, entspannt und sich wohlfühlt, dann wird er mir zeigen, wie es geht, mein Professor.

Ich bin diesem Pferd ohnehin wegen seiner Leistung immer mit dem allergrößten Respekt begegnet. Er brauchte eine Auszeit, ich kontaktierte Ingebrands, lud auf fuhr hin, wurde sehr lieb aufgenommen. Ich trainierte eine Woche bei Heike, unglaublich wie gut sie reiten konnte und erhielt so eine Art Bedienungsanleitung für Traumi. Jede Woche wollten wir meine Fortschritte überprüfen, per Video oder eben live. Mein damaliger Lebenspartner Ralf Ehrenbrink sollte meine „Aktivitäten“ im Auge halten und mich unterstützen. Diese Aufgabe meisterte er großartig und bildete parallel dazu meinen inzwischen dreijährigen Gotenprinz aus. Wir fuhren also gemeinsam zu Turnier, er die Dressurpferde und ich versuchte mich in M-Dressuren….im September 2005 machte ich endlich in Bayern mein SilberLoorbeer Abzeichen und hatte endlich, ohne eine M-Platzierung LK 3!!

Eine Woche später wurde ein Frack gekauft.

Und Mitte Oktober ritt ich meine erste S-Dressur, weit weg von allen, wie ich dachte, in Neuberg, bei Fritz Steinkrauß ! 60 %, keine Schleife, aber guter Dinge und der Beginn wunderbarer Begegnungen. Meine erste S Platzierung hatte ich Anfang Dezember 2009 über eine Qualifikation zur Inter I Kür, Platz 8 !!! Diese ersten Fotos von mir im Frack waren schon noch sehr unwirklich ! aber soooo schön ! Weil es in Neuberg so nett war, fuhr ich im Frühjahr 2006 wieder hin, bekam Einladungen zu anderen Turnieren in Saarlouis und lernet richtig nette Menschen kennen, zum Teil Richter, die Traumi kannten und sich freuten, dass es ihm gut ging.

Ralf und ich fuhren viel rum…machten Bekanntschaften aus denen Freundschaften wurden, die bis heute wertvoller sind als die immerhin ca. 40 S Schleifen von Traumi. Wir fanden uns im Laufe der Zeit immer besser zusammen und etablierten uns in der Klasse M und S, versuchten es sogar im GP, zwar eher im „grünen“ Bereich, aber dies sind alles so schöne Erfahrungen und Erlebnisse, die ich diesem Pferd verdanke…wie innig unser Verhältnis wurde, zeigt der Semperfides Diamant, den ich aus seinen Haaren habe machen lassen und von nun ab am Finger trug !!

Traumtänzer war ein unerbittlicher aber gerechter Lehrmeister, der meine Erfahrungen aus dem Sport mit seinen als GP-Pferd verband und ich glaube, er war ähnlich froh mich zu haben wie ich ihn ! Alles was ich reiterlich gelernt habe, verdanke ich zu einem großen Teil meiner damals mutigen Entscheidung, dieses Pferd zu kaufen !!!

Mein Youngstar Gotenprinz entwickelte sich gut, hatte mit Ralf und auch mit mir gute Erfolge in Dressurpferdeprüfungen, war sechsjährig M-platziert aber eben mit 1,66m für mich, insbesondere nach Traumtänzer einfach zu klein. Ganz schweren Herzens entschied ich mich ihn zu verkaufen, leider erst nachdem ich ihn in die falschen Beritthände gegeben hatte, worunter er unglaublich gelitten hat und sich sehr zu seinem Nachteil veränderte. Das ist so ungefähr das traurigste Kapitel in meinen pferdigen Begegnungen!

Traumtänzer war 18 Jahre alt , noch fit aber natürlich war ein Ende seiner sportlichen Laufbahn abzusehen.  Da fiel mir in unserem Stall  bei Theo Leuchten, er hatte 2006 einen sehr schönen Stalltrakt eröffnet und seit dem waren wir dort zu Hause, ein spilliger nicht gerade hübscher Brauner auf, groß und schlaksig und eine Frau die immer versuchte dieses arme dürre Ding an hohe Dressurlektionen heranzuführen. Das sah nicht schön aus und der Gesichtsausdruck des Pferdes war eher leidend. Aber irgendwie sah ich immer wieder hin und er hatte so eine versteckte Aura unter seiner ganzen Zappeligkeit. Ich probierte ihn aus. Wie eine Schlange, schief, aber schönes Hinterbein, blutgeprägt, dünn.

Spöttische Blicke für Sancey-le-long

Wie ich zu dem Kauf kam, ist mir bis heute irgendwie rätselhaft und wohl sicher das Werk einer eifrigen Vermittlerin, denn so richtig haben wollte das hässliche Entlein nämlich niemand ! Auch ich erntete spöttische Blicke, Traumtänzer und dann den !?!? das ist dann wohl das Ende ihrer Karriere, der geht nie „S“ ! Ganz ehrlich, als ich direkt, nachdem ich ihn gekauft hatte und mal die Zügel aus der Hand kauen lassen wollte, in hohem Bogen runter fiel und eine fette Rippenprellung hatte und dieses Tier dann über die geschlossene Hallentür jumpte hatte ich auch meine Zweifel. Es ging erst einmal wieder nach Neuber, L-Dressur reiten, denn fliegende Wechsel waren für den gerade siebenjährigen ein noch deutliches Problem.

Diese ersten Termine waren lustig und erinnerten an alte Zeiten, da ich ja aber parallel meinen Traumi hatte, war es für mich kein Problem, eben wieder "unten" anzufangen. M* auf den familiären HSDC Turnieren mit „fast“ Platzierungsgarantie waren gut für unsere Moral und stärkten das Selbstvertrauen. Am 1. Mai 2009 erritt ich meine hundertste Platzierung überhaupt, in einer M* mit einem dritten Platz im Tannenhof in Hessen.

Zwei Tage später am Stöckerhof verlor mein immer noch wackeliger Sancey die Beine, galoppierte eine gepflasterte Straße hinunter, die nach ca. 30m von einer Wand begrenzt wurde. Es gab kein Halten mehr, ich sprang ab, Sancey zerlegte sich , ich zertrümmerte mir das Knie. Sancey ist zum großen Glück gar nichts passiert, außer dem Schrecken.

Ich lag im Krangenhaus und wurde drei Tage später während einer vierstündigen OP wieder zusammen geflickt ! Ich sollte drei Monate nicht reiten ! Ging gar nicht ! nach drei Tagen habe ich mich dann selbst aus dem KH entlassen und neben extremer Krankengymnastik täglich mit meinen Selbstheilungskräften telefoniert. Meine Ärzte wurden mit mir fast wahnsinnig, meine Eltern auch und weil sie sowieso keine Chance hatten, ließen sie mich dann zumindest wieder ein bisschen auf Traumi reiten.

Von Sancey hatte auch ich erst einmal die Nase voll, damals hätte ich ihn am liebsten verschenkt. Traumtänzer rettete alles, vier Wochen und mit Krücken ritt ich bei Kühnen in Krefeld den St. Georg und durfte mich anschließend in der Inter I Kür platzieren, auch wenn die Rechtstraversalen bisschen zu gerade waren, weil mein Bein einfach nur noch gefühlte 5 cm Umfang hatte, war ich über diese grüne Schleife überglücklich !! Meine gute Bekannte kümmerte sich während dieser Zeit um Sancey und ritt ihn, Katharine tat ihr Bestes mir bei der Stallarbeit zu helfen.

Bettine habe ich es auch zu verdanken, dass ich wieder auf Sancey gestiegen bin, ihrer Beharrlichkeit  : Du musst da wieder drauf ! Ein ganz glücklicher Umstand trat ein : beim schlendern durch die Stallgasse traf ich einen alten Bekannten von dem ich als Reitlehrer und auch als Mensch sehr viel hielt ! Frank Etienne sollte bei Theo Leuchten im Stall auf Gut Volkardey als Reitlehrer anfangen und ich wurde aus Überzeugung seine erste Kundin. Ich hatte endlich wieder regelmäßig Unterricht neben den „Fernreportagen“ mit Heike, aber die betrafen ja nur Traumi. Für Sancey und mich war Frank Gold wert, wie wörtlich das zu nehmen ist sollte die nahe Zukunft zeigen ! Aber die Angst ritt trotzdem erst einmal immer mit, die ganze restliche Saison hatten wir zwar einigermaßen Erfolg in Prüfungen der Klasse M, aber immer auch Prüfungen, in denen Sancey einfach die Nerven verlor ! Traumtänzer zog sich Mitte des Jahres eine Schale ( das ist eine Huferkrankung) zu und war auch außer Gefecht. Schwere Zeit ! Traumtänzer wurde sehr aufwendig behandelt, er sollte zumindest noch ein bisschen geritten werden, wenn auch nicht mehr im „großen“ Sport.

Ende des Jahres feierte er quasi Abschied von Frack und Zylinder mit noch einmal sehr guten Leistungen in Luxembourg bei Verena Heinz und Michel Wehnert. Danke für dieses tolle Turnier !

Nüchternheit machte sich breit. Aber Dank Frank Etienne und der immer währenden Unterstützung meiner lieben Freunde hielten wir irgendwie durch. Auf unserem ersten Start im Jahr 2010 in Heidelberg lagen wir dann zwar mit Frack und Zylinder im Schlamm, aber es sollte trotzdem alles großartig werde. Sancey gewann gleich am Anfang der Saison M* und M**, und dann zwei S Dressuren hintereinander. Er wurde in seiner Leistung stabil und war auch nicht mehr so ängstlich. Am Ende dieses sehr schönen Jahres 2010 hatten wir 6 Siege in der Klasse S auf unserem Konto und Sancey war mit über 10.000 RLP drittbester Württemberger und in Deutschland unter den TOP einhundert !

Das Goldene Reitabzeichen

Es prickelte bei der Vorstellung daran, plötzlich war es nicht mehr unmöglich und ich glaube unsere Begeisterung hat sich übertragen und irgendwie waren alle infiziert und fieberten mit.

Der Höhepunkt war letztlich die Party, auf der wir die Verleihung des Goldenen Reitabzeichens durch die FN gefeiert haben. Es war lustig und besinnlich zugleich und natürlich verbunden mit neuen Plänen, mit einer tiefen Dankbarkeit für meine Pferde.

Traumtänzer blieb während dessen auf seiner Wiese, bei seinen tragenden Stuten, die er fürsorglich bewacht. Dem inzwischen zwanzigjährigen geht’s richtig gut und er genießt sein neues Leben und seine neuen Aufgaben als „Probierwallach“. Aber vielleicht denkt er an uns und daran, was er mit seinen Kunststückchen damals im Römerhof ausgelöst hat, vielleicht hat er ja auch von meinem Traum gewusst und sich einfach vorgenommen, mir bei der Realisierung zu helfen und vielleicht ist er in Gedanken dabei. Der alte Schlauberger hat mit mir ein gutes Stück Erziehungsarbeit geleistet und mir tatsächlich erklärt, wie „Pferd“ behandelt werden möchte.

GRAND PRIX 

Das Goldene Reitabzeichen ist sicher eine wichtige Etappe, aber eben "nur" eine Etappe. Seither ist viel Zeit vergangen. Im Jahr nach der Verleihung konnte Sancey noch einmal seine guten Leistungen bestätigen. In diesem Jahr war vieles neu, die Leistungsklasse 1 und auch einfach die Tatsache, daß neue Ziele gefunden werden wollten. Was kommt dann noch ? Wir bildeten Sancey weiter aus und ich hatte das Glück, hierfür, durch Jan Bemelmanns empfohlen, den Schweden Johan Svennson als Trainer kennen zu lernen. Eine ganz neue Dimension ! 2012 im August entschieden wir uns für den großen Schritt in den Grand Prix Sport. Was für eine Aufgabe ! Meine ersten "richtigen", weil wirklich kontrollierten Einerwechsel hatten mehr mit eigener Gymnastik als mit der Gymnastizierung von Sancey zu tun. Trotzdem sind dafür später "8"ter vergeben worden und damit war wieder eine Hürde genommen. In unserer ersten Grand Prix Saison erreichten wir bereits beachtliche Erfolge und über 10 Platzierungen in dieser Klasse. Es geht einfach darum, noch besser und im Detail korrekter zu werden. Dieses eigentliche Ziel der reiterlichen Ausbildung steht im Vordergrund, genauso wie die weitere Verbesserung und Gymnastizierung von Sancey, welcher weiter deutlich gereift ist. "Was du aus diesem Pferd gemacht hast...Wahnsinn " so das Kompliment einer Reiterkameradin in Hessen, worüber ich mich sehr gefreut habe. Heute weiß ich, das dies alles viel mehr wert ist, als das "Goldene". Traumtänzer ist nun 23 Jahre alt und immernoch gesund und munter in seinem Rentnerdomizil. Ein Nachwuchspferd der besonderen Art entwickelt sich planmäßig. Jetzt heißt es : alle bitte gesund bleiben und mit der vorhandenen Gelassenheit und dem nötigen Engagement kontinuierlich weiter arbeiten. Ich bin für all das sehr dankbar, allen, die mich unterstützt haben aber ebenso allen Kritikern, welche den Blick immer weiter schärfen. Das Wichtigste sind die Pferde und das es ihnen gut geht bei allem, was wir tun.

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© Cornelia Dyhr 2011